Bodega Bay nach San Francisco

from Gerd_S

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Monday
July 3, 2023


Trip odometer

 GPS data:  122,15 km

 Wheel comp.:  123,87 km


Der letzte Tag
Dieser Text ist etwas mehr als zwei Wochen nach meiner Rückkehr geschrieben worden. Ich versuche mal wiederzugeben wie ich mir 7000 Kilometer lang den letzten Tag vorgestellt habe und wie er dann wirklich war.
Der letzte Tag,... Triumphzug, Blaskapelle, Golden Gate Bridge bei bestem Wetter, ein Tränchen verdrücken, easy going. Das war meine Vorstellung vom letzten Tag.
So ähnlich war es dann auch, allerding mal wieder ohne Blaskapelle, Triumphzug und gutem Wetter. Das Tränchen war auch nicht da wo ich es erwartet hätte.
Aber mal von Anfang an.
Nebel von Seeseite, - die nette Wanderin sagte schon ich solle mein Zelt nicht unter den Bäumen aufschlagen (falls hier überhaupt irgendwas aufschlagen könnte, wegen der Heringe die im Sand nicht halten).
Instinkt, Zufall, was auch immer, bewegten mich gestern das Zelt genau unter diesem Baum aufzuschlagen. Ich hörte die Nacht über die Regengeräusche (die davon herrühren, dass der Nebel sich in den Bäumen verfängt und dann abregnet) aber mein Zelt blieb verschont. Die Hiker die schon früher aufgebrochen waren hinterliessen eine Spur von trockenem und nassem Sand, ich konnte deutlich erkennen wo die Schlafsäcke lagen.
Für meine sonstigen Gewohnheiten war ich echt früh dran und wechselte noch ein paar Worte mit dem Radler der auch gerade aufgewacht war und an dem einzigen PicnicTable sein Zelt aufgeschlagen hatte. Als kleiner Hintergrund, PicnicTables gibt es immer und überall, supergeil für Camper, nicht mal um da gemütlich zu sitzen. Man möchte morgens seine Isomatte, sein Zelt usw. möglichst frei von Feuchtigkeit und Dreck zusammenrollen. So ein PicnicTable ist da ein Traum. Ich erwähnte, dass das wohl der schlechteste Campground sei auf dem ich bisher war und er erwiderte, es sei doch total schön hier und die Kosten für Müll, Dusche usw. müssten ja auch eingerechnet werden und er käme schon seit Jahren hierher für ne Auszeit mit dem Rad. Dann mein Kardinalfehler, "In Oregon die Plätze waren bisher schöner". Ich erkannte dann auch sein "California" T-Shirt und das Gespräch flachte deutlich ab.
So früh war ich glaube ich noch selten, um 08:30 verließ ich den Platz. Noch "schnell" den self-check-in gemacht, damit ich nix schuldig bleibe und los. Ein Wort zu "schnell". Auf guten Campsites hat man ne nette Erklärung, eine Schreibunterlage und nen Kulli. Auf den typischen "wir sind nur auf motorisierte Camper ausgerichtet" gibt es sowas nicht. Drive-In halt. Egal, der letzte Tag, mein Triumphzug, meine letzte Etappe über die Champs-Élysées, das Ende aller Leiden.
An der ersten Möglichkeit hab ich mir nen Kaffee gezogen und eine Apfeltasche aus der Kühlung. Boh war die Apfeltasche lecker, also nochmal rein und noch eine gekauft. Der Verkäufer sagte mir, dass viele es klasse finden wenn er die "Appeltaart" nochmal kurz heiss macht.
Ja klar, also rein in die Mikrowelle, und *bing* ein noch besseres Geschmackserlebnis.
Als ich dann wieder aufsatteln musste war das Wetter immernoch scheisse, der "Californian Boy" war auch im Laden, würdigte mich aber keines Blickes, der Sheriff der sich sein Frühstück holte fragte kurz ob alle klar sei. Daumen hoch und los.
Mit Kaffee im Körper geht vieles besser, auch Radfahren. Es ging dann so recht erignislos dahin. Am Wegesrand gab es noch Austern, juhuu. Rannfahren und erfahren, dass sie nur abgepackte (ungeöffnete) Austern verkaufen. Ich könnte aber gerne in den gerade abgesperrten Bereich gehen, da gibts dann ne Führung und Austern alaCarte (nach Reservierung). Och nö, hab gerade keine Zeit für den SchickiMicki-Scheiss und Austern selbst aufmachen - die haben Austermesser zur Verfügung gestellt - auch nicht. Ich hatte gehofft noch was anderes mit Austern an der Küste zu finden, schade eigentlich. Da fand ich Neuseeland besser, ranfahren und warten. Bestellen bei jemandem der aussieht als hätte er gerade eine komplette Austernfarm alleine geertnet, gefragt werden 12 oder 24, eine Plasikschale und ne halbe Zitrone bekommen, fertig. Ich will ja Austern und nicht Ambiente. Jeder Jeck is anders.
Weiter auf der US 1, der Verkehr war da schon recht intensiv, und ich freute mich auf den Abzweig herunter von der US 1. zu meiner totalen Ernüchterung/Demotivation musste ich feststellen, dass 90% des Verkehrs aus der Gegenrichtung und ein Großteil aus meiner Richtung alle in diesen Abzweig abgebogen sind.
Überlegungen US1 weiterfahren? Mich hat dann überzeugt, ich bleibe beim originalen Kartenverlauf und bin in 2 Kilometern auf nem Trail. Ok, es wurden dann ein paar Kilometer mehr aber da kann die Karte und google nix für. Tipp am Rande. Wenn navigiert wird, entscheide Dich für ein Medium. Ich hab mich immer verfahren wenn ich zusätzlich zur Karte noch google benutzt hab. Wenn du dann noch versuchst nach Strassenschildern zu fahren, vergiss es. Du bist nicht "Lost" aber die zusätzlichen Kilometer kann man sich sparen. Karte (eigene) und Google Maps sind deine Freunde. Schilder (auch speziell für Radfahrer) eher nicht.
Dieser kleine Ausflug hat mir einen wunderschönen Ausblick über den Stausee auf dem Bild gebracht aber, oben angekommen stellt man irgenwann fest, "hab ich so auf meiner Karte nicht wahrgenommen". Grundsätzlich hätte ich schon vorher kapieren können, dass ich falsch bin.
1. hatte ich Rückenwind, und zwar kräftig.
2. Eine wunderbare Strasse mit breiter Schulter.
Da sowas eher selten auf meinen Strecken war, hätte ich da schon misstrauisch werden müssen. Aber bergauf bei einem solchen Rückenwind und wieder bergab bei Gegenwind (man konnte gerade noch rollen lassen) war auch einfach zu schön um es auszulassen.
Also wieder runter, "Runter" ist ja kein Thema, ausser der Gegenwind und - viel schlimmer - der Gedanke gleich wieder irgendwo hoch zu müssen, mit Gegenwind, und Verkehr, ohne Seitenstreifen...
Den Abzweig den ich verpasst hatte erreichte ich recht schnell, und dieser schlängelte sich an einem Fluss entlang Richtung Talgrad. Ich machte kurz Halt um mit einer Zigarette und nem Schluck aus der Erdbeermilch zu feiern, dass ich wieder auf dem "richtigen" Weg bin.
Zwei grössere Feuerwehrfahrzeuge, ein Sheriff und einige Touristen waren auf der Strasse unterwegs, ein kleines Träumchen. Es wurde aber noch besser, ein Trail! Kilometerlang hab ich davon geträumt keinen Verkehr mehr zu haben. Im Osten gab es Railtrails, in den Ebenen von North Dakota und Montane ist der Verkehr auch an dir vorbeigeprettert, aber halt nur höchstens alle fünf Minuten ein Fahrzeug. Die 101 ist halt nicht überall als Freeway ausgebaut und auch auf der US1 ist ohne Ende Verkehr, ich sehnte es herbei, ein Trail! Hatte ich schon zig tausend Kilometer nicht mehr (von ein paar Metern in Parks oder so abgesehen).
Es war ein schöner Trail, Anfangs. Schön asphaltiert, später eher Neuseeland Style. Trail = Montain-Bike. Wie den Leute mit Rennrädern fahren sollen ist mir rätselhaft. Aber unten (ein paar Meter tiefer) verläuft ein Highway mit sehr moderater Auslastung. Ich habe mehrmals Überlegt ob das nicht einfacher wäre,... Am letzten Tag will man aber nicht einfach sondern schön,... und schöner war es in jedem Fall dem Trail zu folgen.
Dann kam ich zu irgendeinem riesigen Viadukt/Brücke was auch immer. Da hab ich ne Pause für ne Zigarette gemacht und standardmäßig die Karte gecheckt. Oh, schon raus aus dem aktuellen Kartenblatt, also umblättern. Da viel mir auf, dies ist das letzte Kartenblatt, vom letzten Kartensatz... Und da wurden doch die Augen feucht, es kullerte ein Tränchen oder zwei. Das war dann auch tatsächlich das emotionale Ende der Reise. Ich hatte erwartet, dass ich beim Anblick oder auf der Golden Gate Bridge in Tränen ausbreche. Wie war es tatsächlich; Kurz vor Sausalito hält ein Rennradfahrer neben mir und wir quatschen von Ampel zu Ampel. Er ist so begeistert von meiner Tour, dass er für einige Kilometer nicht mehr von meiner Seite weicht. Wie macht man das? Urlaub? Motivation? Technik? Ein Rennradfahrer, der in einer Gruppe unterwegs war auf die er nun ewig warten musste... Der fragt mich wie man so eine Tour macht? Crazy. Er könnte das ja nicht...
Irgend wann waren seine Kumpels dann wieder auf einer Höhe und er verabschiedete sich mit den Worten "see u on the Bridge".
Jetzt war ich durch rumlabern schon von meiner angedachten Linie abgewichen also musste ich da jetzt weiter (oder 1,2 Kilometer zurück). Ein Gegenwind der tatsächlich Nordseequalitäten hatte, und darüber hinaus, empfing mich, extrem übel. Gücklicherweise kaum Verkehr, ich hab noch nichtmal das Radar wahrgenommen, auf 500 Meter durch einen in den Fels gesprenkten Abschnitt, hab ich auf 50 Metern geschoben, weil der Wind mich einfach in den Graben geschoben hätte. Dann kam der große Moment. Ich bin an der Golden Gate Bridge. Den Moment, den ich mir tausende Kilometer schön ausgemalt hatte, der war jetzt da.
Es war kalt, es war windig. Meine Regenjacke hatte nen Reisverschlussklemmer, ich hab ein Hinweisschild gesehen, dass die Ostseite für Fahrräder gesperrt ist. -- Die Golden Gate hat ein System für Pedestrians and Cyclists -- mal ist die Ostseite offen mal die Westseite.
Ich bin dann erstmal Richtung Aussichtspattform gerollt, es war wiklich windig, es war wirklich kalt. Ich hab mich dazu entshlossen ein paar Bilder machen und nix wie heim. Heim hieß ja Motel, ich hatte ja noch keins. Egal, erstmal auf "der falschen Seite" über die Brücke. Das war dann irgenwie cool, rollen lassen, endlose Touristenscharen grüßen, etwas beruhigt sein als der Brückensheriff in einem Brückencaddy an Dir vorbei fährt und nett grüßt, Alcatras sehen, Erinnerungen von 2014 verarbeiten. Das war wirklich "Impressive" aber halt nicht dieser emotionale Moment den ich ein paar hundert oder tausend Kilometer vorher erwartet hätte. Total durchgefroren auf der anderen Seite ankommen und denken "ach fuck, where is my motel". Das "Wo" war immer ein wichtiger Faktor während der Reise. "Only 5 Miles away (oder ähnlich) hab ich öfter gehört. Ich hab im Windschutz eines ehemaligen Mautgebäudes mein Motel gebucht, bin dorthin gefahren (Was ein Traum war, zweispuriger Radhighway, Blick auf die Bucht, und coole Leute herum) und war einfach nur platt.
So war es gewesen...
Ich werde demnächst noch von meinem Ruhetag und meinem Abflugtag erzählen. Weniger vom Ruhetag als vom Tag danach gibt es Erinnerungen.
Danke fürs mitlesen,
Gerd

3  Kommentare

  • Profilbild   Reiner ~ July 4, 2023 at 1:36 PM
    Hallo Gerde,
    herzlichen Glückwunsch zur Einkehr in San Franciso !!
    Top !!
    Gruß ....... Reiner
  • Profilbild   Sabpin ~ July 5, 2023 at 8:34 PM
    Hallöchen Gerd, mega Tour!!! Klasse gemacht, super Leistung, sehr schöne Bilder und interessante Berichte. Grüße Sabine
  • Profilbild   Gerd_S ~ July 29, 2023 at 1:19 AM
    Vielen Dank Reiner und Bine,
    hätte Anfangs auch nicht gedacht, dass es tatsächlich bis San Francisco reicht.

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Wieder mal von anderen Touristen fotografiert worden :)

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